Skip to content

„Es wäre schon nicht schlecht, wenn irgendwann jeder Bogenschütze wüsste, wer Clea Reisenweber ist”

Nachwuchstalent Clea Reisenweber begann im Alter von 3 Jahren mit dem Eiskunstlaufen. Entschied sich dann aber mit 9 Jahren für das Bogenschießen. Im Interview mit SportlerINside spricht sie über die Anforderung im Training, die Entfernungswechsel in den verschiedenen Altersklasse und warum sie sich für den Recurvebogen entschieden hat.

Mit deinem 17 Jahren bist du schon Deutsche Juniorenmeisterin in der Halle und mehrfache deutsche Junioren-Vizemeisterin. Wie bist du zum Bogenschießen gekommen und in welchem Alter hast du begonnen?
„Ich habe mit 9 Jahren mit dem Bogenschießen angefangen, davor war ich als Eiskunstläuferin am Schul- u. Leistungssportzentrum in Berlin. Mit dem Eislaufen habe ich mit 3 Jahren angefangen, ich war also schon tägliches Training und Wettkämpfe gewöhnt und hatte da schon einige Erfahrung. Leider habe ich im Eiskunstlaufen nicht das nötige Potenzial gezeigt, da ich irgendwann bei den Sprüngen nicht mehr mit den anderen mithalten konnte. Aber ich wollte weiter Sport treiben und da Bogenschießen eine Sportart ist, die man als etwas „älteres“ Kind noch anfangen und anschließend professionell betreiben kann, bin ich dort zum Probetraining gegangen. Die ganze Trainingsatmosphäre hat mir dort sofort gefallen, also bin ich geblieben.”

Bogenschießen erfordert eine unglaublich hohe Präzision, Technik und mentale Stärke, aber auch noch viele andere Elemente, um erfolgreich zu sein. Wie sieht deine Trainingsgestaltung aus und in welchen Elementen möchtest du dich unbedingt noch verbessern?
„Am Meisten trainieren wir natürlich das Schießen selbst. Hierbei kann man mithilfe unterschiedlicher Methoden unterschiedliche Aspekte trainieren. Zum Beispiel schießen wir viel mit einem verzögerten Video, das unsere Schüsse aufnimmt und wir uns anschließend unsere Technik anschauen können. Das ist sehr effektiv. Oder man schießt mit zusätzlichem Zug- oder Bogengewicht, das verbessert die spezielle Kondition. Außerdem trainieren wir unsere Koordination, Kraft und Ausdauer. Krafttraining machen wir jeden Tag ca. eine halbe Stunde, Laufen gehen wir zweimal wöchentlich für 45  Minuten. Immer etwas zu verbessern gibt es in punkto mentale Stärke. Die üben wir bereits mithilfe von ideomotorischen Training und der künstlichen Erzeugung von Drucksituationen im Training. Allerdings fehlen uns durch die Pandemie viele Wettkämpfe, bei denen wir unsere mentale Stärke hätten zeigen und auch verbessern können.”

Bei den jüngsten Athleten stehen die Scheiben auf 25m Entfernung und gehen dann, mit dem Alter, hoch auf 40m, 50m, 60m und ab der Junioren-Klasse (ab 18 Jahre) auf 70m. Du hast jetzt schon einige Male auf die 70m geschossen und konntest im November letzten Jahres das erste mal 60 Ringe auf 70m schießen. Wie groß ist die Umstellung auf die verschiedenen Entfernungen und wann fängt man an für eine „neue“ Entfernung zu trainieren?
„Besonders im Freiluftbereich ist es meist so, dass es mit steigender Entfernung schwieriger wird, die gleichen Ergebnisse zu erzielen, da die Auflagengröße (also der Wertungsbereich) meist gleich groß bleibt. Durch die höhere Entfernung wirken sich aber kleine Schießfehler größer aus, wodurch die Ringe (so nennt man die Punkte im Bogenschießen) weniger werden. Allerdings ist die Umstellung im Leistungssport-Bereich nicht zu groß, da man ja täglich trainiert und sich schon eine gewisse akkurate Grundtechnik angeeignet hat, weshalb sich die Unterschiede zwischen den Distanzen zwar zeigen, aber es nicht ganz so viele Ringe Unterschied sind. Zudem hat man ja keine Wahl: Die Altersklasse schreibt einem die Distanz vor. Klar, ein Umstieg kann sich als schwer erweisen, aber da müssen alle durch und man gewöhnt sich auch schnell an die neue Distanz. Jetzt, bei den 70 Metern habe ich den Vorteil, dass ich die Olympische Distanz erreicht habe, auf die auch die Erwachsenen schießen. So kann ich mich und meine Ergebnisse endlich mit denen der Erwachsenen der ganzen Welt vergleichen und nicht nur mit Bogenschützen, aus meiner Altersklasse. So kann ich besser einschätzen, wie ich mit meiner Leistung international stehe und mir Ziele setzen, die ich erreichen will. Für neue Entfernungen trainieren wir immer erst, wenn die letzte Saison der aktuellen Altersklasse beendet ist. Es gibt Bogenschützen und Trainer, die damit schon früher beginnen, aber wir haben immer erst einmal alle Wettkämpfe auf einer Distanz bestritten und anschließend für die neue trainiert.”

Es gibt den Blankbogen, Compound-Bogen und den Recurve Bogen, mit dem du schießt. Wie kam es zu der Entscheidung und kannst du uns die Unterschiede erklären?
„Die Grundbestandteile eines Recurvebogens sind ein Mittelstück, jeweils oben und unten ein Wurfarm, an dem die Sehne befestigt ist, ein Visier und Stabilisatoren. Wenn man an der Sehne zieht, biegen sich die Wurfarme nach hinten. Löst man, schnellen sie nach vorn, und der Pfeil wird geschossen. Beim Blankbogen funktioniert es genauso, nur dass am Blankbogen kein Visier zum Zielen und keine Stabilisatoren erlaubt sind. Compondbögen haben kürzere Wurfarme und an ihnen ist jeweils ein „Rollensystem“ befestigt, das die Sehne führt. Das erleichtert es einem, mit einem höheren Zuggewicht zu schießen, da man im Vollauszug, also kurz vor dem Lösen, nur einen kleinen Teil des tatsächlichen Auszugsgewichts halten muss. Zudem hält man die Sehne beim Compoundbogen nicht direkt in den Fingern. Allerdings habe ich noch nie mit einem Compoundbogen geschossen, sondern nur häufig zugesehen. Beim Compoundbogen gibt es auch viel Technik, die man ein-u. verstellen kann, womit ich mich nicht wirklich auskenne. Als ich zum Bogenschießen gekommen bin, habe ich direkt mit dem Recurvebogen angefangen, da dieser der olympische Bogen ist und nur olympische Sportarten an meiner Sportschule gefördert werden. Daher hatte ich im Nachhinein betrachtet gar keine Wahl, aber ich kannte mich ja auch nicht aus und wusste nicht, dass es auch andere Bögen / Disziplinen gibt. Ich bereue es aber kein bisschen, Recurve zu schießen”

Und, natürlich zum Abschluss: Wie formulierst Du Deinen größten persönlichen, sportlichen Wunsch?
„Natürlich möchte ich an den Olympischen Spielen teilnehmen und dort eine sehr gute Leistung abrufen, aber das ist für mich frühestens 2024 möglich und bis dahin kann noch viel passieren. Deshalb schaue ich immer Schritt für Schritt nach vorne und gebe mein Bestes, um international möglichst erfolgreich zu sein und mich zu verbessern. Es wäre schon nicht schlecht, wenn irgendwann jeder Bogenschütze wüsste, wer Clea Reisenweber ist, aber bis dahin ist es noch ein langer Weg. Ich gebe immer mein Bestes, trainiere fokussiert und fleißig und schaue nicht zu weit nach vorne, denn das Leben spielt sich im Hier und Jetzt ab.”

Bildquelle: Jo Jankowski

Ähnliche Beiträge

Noch kein Kommentar, Füge deine Stimme unten hinzu!


Kommentar hinzufügen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.